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Aufrüttelndes Plädoyer für eine andere Psychiatrie PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 16 September 2015 | Autor: Krystyna Swiatek

In "Die Stimmen der Übriggebliebenen" erzählt Christian Discher seine Geschichte aus der "Geschlossenen" in Ueckermünde

© underDog Verlag
© underDog Verlag
Die geschlossene psychiatrische Einrichtung Ueckermünde war berüchtigt und verrufen. Wer jemals die Reportagen von Ernst Klee dazu gesehen hat, der wird diese Bilder nie mehr vergessen. Der Film lief 1993 und zeigte Unfassbares. Menschen, die wie Tiere gehalten wurden, ohne Intimsphäre oder gar Zuwendung. Vier Jahre später, 1997, wird ein junger Mann in Ueckermünde eingeliefert: Christian Discher. In diesem Buch erzählt er seine eigene Geschichte. Eine Geschichte, so unfassbar wie aufrüttelnd und ein Plädoyer für eine respektvolle und menschenfreundliche Psychiatrie. "Die Stimmen der Übriggebliebenen" nennt Discher sein Werk, es erscheint im underDog Verlag.

Christian ist ein aufgeweckter Junge, gutaussehend, sportlich und beliebt. Doch mit der Pubertät verändert er sich, fühlt sich dick und hässlich, trainiert täglich, kontrolliert sein Gewicht. Er will perfekt sein und hasst seinen Körper. Vor allem aber versteht er seine Gefühle nicht mehr, denn Christian ist homosexuell. Seine Alibifreundin will mehr von ihm, doch er träumt von dem Jungen, in den er verliebt ist. Beistand findet er fast nur noch bei Mila - sie ist seine innere Stimme und seine imaginäre Freundin.

Für seine Umwelt verändert sich Christian befremdlich: Er ist viel zu dünn und sucht Halt im Zwiegespräch mit Gott. Seine körperliche Schwäche tut das Ihre dazu und stürzt den jungen Mann, der bald sein Abitur machen will, in eine seelische Krise. Eine Seelsorgerin bringt ihn in die Psychiatrie - er landet im Sommer 1997 auf der Akutstation Ueckermünde. Während seine Freunde die Ferien genießen, wird Christian mit Medikamenten vollgepumpt, ruhiggestellt. Sein schwules Coming-out auf der Station bringt ihm keine Erleichterung. Pfleger machen sich über ihn lustig; Christians Qualen und inneren Kämpfe interessieren niemanden.

Einzige "Behandlungsmethoden": Wegsperren, Fixieren, Pillen über Pillen; und die Nebenwirkungen der Medikamente sind massiv. Unkontrollierte Zuckungen, starre Mimik, Verlust der Artikulationsfähigkeit - trotz seines wachen Geistes kann Christian seine Gedanken nicht zum Ausdruck bringen.

In all den Wochen hat nicht ein Gespräch stattgefunden, in dem er ernst genommen worden wäre mit all seinen Ängsten, Problemen und Wünschen. Doch er lässt sich nicht unterkriegen, auch wenn seine eigene Familie den Diagnosen und Ratschlägen der Ärzte hilflos gegenübersteht. Nach der Entlassung aus Ueckermünde findet Christian Freunde, ehemalige bereits frühberentete Patienten aus Ueckermünde, besucht die Selbsthilfegruppe "Steg", in der schwerkranke Menschen ihr Leid austauschen, die auch Opfer des Systems Psychiatrie geworden waren.

Seine Rettung ist ein Fernsehbeitrag über eine Einrichtung in Lübeck, in der die Ärzte Menschen umsorgen, die Unterstützung im Leben brauchen: "Ich hätte nicht geglaubt, dass es Psychiater gibt, die sympathisch sind, das persönliche Gespräch suchen und sich liebevoll um ihre Patienten kümmern, ihnen aufmerksam zuhören, dem Ursprung der Probleme auf den Grund gehen." Christian ruft in Lübeck an und erlebt zum ersten Mal eine Ärztin, die ihn wie einen Menschen behandelt. Nach dem Abitur geht er in diese Lübecker Einrichtung und spürt sofort, dass er am richtigen Ort ist. Er bekommt andere Medikamente, nimmt ab - durch die Psychopharmaka hatte er stark zugenommen - macht Sport und wird auf allen Ebenen unterstützt und gestärkt. Nun hat er die Kraft, sein weiteres Leben zu planen und verwirklicht seine Wünsche: Er zieht nach Berlin und beginnt 2003 ein Studium.

Heute lebt Christian Discher mit seinem Ehemann in Paderborn und in Berlin.



Cover Christian Discher

Die Stimmen der Übriggebliebenen
2015, 256 Seiten, 2 Farbbilder
ISBN 978-3-98142-572-7
14,90 € (D)
underDog Verlag

Erschienen am 6. August 2015.
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Carl Hilty

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