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Reisen

Wikinger-Schiff: Nach dreimonatiger Rückwärtsfahrt vorsichtige Kursänderung

Hohe Rückerstattungen – „Situation richtig eingeschätzt“ –
künftig 85 Prozent Europa, rund 50 Prozent davon ohne Flug.

HAGEN. Wie geht ein mittelständischer Veranstalter mit der Corona-Krise um? Was tut sich bei den Buchungen? Und wo zieht es Reisende künftig hin? Dazu ein Interview mit Daniel Kraus, geschäftsführender Gesellschafter von Wikinger Reisen, Marktführer für Wanderurlaub und Spezialist für Aktivtrips.

Wie sieht es aktuell bei Wikinger Reisen aus?

Das Wikinger-Schiff segelt seit drei Monaten rückwärts. Wir liegen aktuell mit dem „abgereisten Umsatz“ unter den Zahlen von Mitte März. Obwohl wir durchaus Neubuchungen haben. Grund sind die zahlreichen Rückerstattungen für die Reiseabbrüche und -absagen aufgrund der Reisewarnungen – wir hatten uns von Beginn an gegen Gutscheine entschieden. Zusätzliche Kosten haben die weltweiten Rückholaktionen von Gästen verursacht. Die finanziellen Verluste, die wir als mittelständischer Veranstalter hinnehmen mussten und weiterhin müssen, sind enorm. Aufgrund unserer hohen Eigenkapitalquote von 50 Prozent schaffen wir es aber, unsere Liquidität zu sichern – auch zukünftig.

Wie vielen Reisegästen haben Sie ihre Reise absagen müssen?

Wir haben bisher mehr als 22.000 Gästen abgesagt und es werden noch viele folgen, da zahlreiche Länder weiterhin als Reiseziele ausfallen. Wir bedanken uns sehr bei unseren Kunden, die uns mit unzähligen „Mutmacher-Mails“ durch diese harten Wochen begleitet haben. Ihr Zuspruch und ihr Vertrauen haben uns immer wieder motiviert. Ein großes Dankeschön gilt auch dem Team im Innendienst, das durch Rückabwicklungen und Umbuchungen alle Hände voll zu tun hat. Seit Juni haben wir für unsere Mitarbeiter daher die Kurzarbeit von 80 Prozent auf 50 Prozent zurückgefahren. Darüber hinaus gilt unsere Solidarität unseren weltweiten Partnern und deren Familien sowie unseren über 400 Reiseleitern. Sie alle sind von den Reiseabsagen betroffen und wir wünschen ihnen in diesen schweren Zeiten viel Kraft.

Die Reisewarnungen haben eine ganze Branche in Schockstarre versetzt. Wie hat Wikinger Reisen die ersten Wochen danach erlebt?

Die weltweite Reisewarnung kam exakt an meinem Geburtstag, dem 17. März – so ein ‚Geschenk‘ habe‘ ich mir sicher nicht gewünscht … Aber wir sind Spezialist für Aktivreisen und auch in dieser Phase schnell aktiv geworden. Aus heutiger Sicht haben wir die Situation richtig und unternehmerisch verantwortungsvoll eingeschätzt. Das Wikinger-Schiff ist nun kleiner – dies hat auch zu Kritik geführt. Aber so hoffen wir das Unternehmen nachhaltig durch die Krise zu bringen. Die massiven Umsatzrückgänge zeigen, dass diese Schritte notwendig waren: Wir erwarten für das laufende Geschäftsjahr, das am 31. Oktober endet, ein Minus von bis zu 75 Prozent. Für das Geschäftsjahr 2021 ab 1. November hoffen wir auf mindestens 40 Prozent des Umsatzes bzw. 50 Prozent der Gäste von 2019. Von einer Reisenormalität sind wir noch weit entfernt – darauf stellen wir unseren Wiederaufbau ein.

Wann werden die ersten Wikinger-Gruppen wieder reisen?

Eine vorsichtige Kursänderung kommt ab Juli in Sicht, dann starten wieder Wander- und Radgruppen. Individualurlauber sind seit Ende Mai wieder mit uns unterwegs.

Hatten diese Urlauber vor Corona gebucht oder sind das auch Neubuchungen?

Beides – es kommen auch Neubuchungen herein. Gefragt sind für den Sommer vor allem Ziele ohne Flug in Deutschland, Österreich etc. Sonnenziele, wie Mallorca, werden für Aktivurlauber erst wieder ab dem Herbst interessant.

Spüren Sie bei Ihren Reisenden das erhöhte Sicherheitsbedürfnis?

Auf jeden Fall, wobei es unterschiedlich ausgeprägt ist. Der Wunsch herauszukommen, ist bei vielen ebenso groß. Wir haben den Vorteil, dass unser typischer Reisestil Abstand halten leichter macht: Wir sind überwiegend draußen in freier Natur, wandern und radeln abseits der Hotspots, wohnen meist in kleinen, familiär geführten Hotels. Und die Gruppen sind nicht groß. Auf kulturelle „Musts“, bei denen viele Besucher zu befürchten sind, verzichten wir gegebenenfalls, der Naturgenuss steht im Vordergrund.

Wird Wikinger Reisen sein Programm für 2021 an die neue „Reisewirklichkeit“ anpassen?

Ja, wir arbeiten seit jeher kundenorientiert und orientieren uns an den Urlauberbedürfnissen. Für 2021 werden wir das Fernreiseangebot auf circa 15 Prozent am Gesamtprogramm herunterfahren und uns auf Europa konzentrieren. Hier bekommt der Urlauber künftig rund die Hälfte der Reisen „erdgebunden“, ohne Flug. Das entspricht der Nachfrage und ist zugleich klimafreundlicher – wir setzen so auch unseren Nachhaltigkeitskurs fort. Bereits für das laufende Jahr hatten wir den Anteil deutlich erhöht: in Deutschland, aber auch in Österreich und der Schweiz, in Benelux-Ländern, in Dänemark, Frankreich, Italien und Tschechien, Slowenien und Polen. Diesen Kurs verstärken wir. Deutschland ist seit Jahren drittstärkstes Ziel bei Wikinger Reisen hinter Spanien und Italien. Nun wird es auf Rang eins klettern.

Abschlussfrage: Wie sind Ihre Erwartungen für die nahe Zukunft?

Verlässliche Prognosen sind unmöglich, wir alle müssen die Entwicklungen abwarten. Das Wikinger-Schiff fährt weiter „auf Sicht“ und passt seinen Kurs an die jeweilige Situation an. Fest steht: Unser nachhaltiges Produkt mit aktiven Naturerlebnissen ist kompatibel mit den aktuellen Anforderungen.

Zwei Männer vor dem Schiff. Zwei Männer vor dem Schiff.

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