 | | Kaiser Wilhelm II mit seinem Sohn, um 1892. Foto: unbekannt | Westfalen. Der Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. am 27. Januar war
für die meisten seiner Untertanen ganz selbstverständlich der höchste Feiertag
im Jahr, der mit großem Aufwand begangen wurde und folglich auch in Form von
vielen Augenzeugenberichten festgehalten wurde, von denen sich einige im
volkskundlichen Archiv des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) finden.
Die Idee, den Geburtstag eines Oberhauptes zu zelebrieren, war nicht neu. In
Teilen Deutschlands war diese Tradition schon vor Gründung des Kaiserreiches
1871 etabliert, indem in den deutschen Einzelstaaten die Geburtstage der
herrschenden Fürsten gefeiert wurden.
 | | Menükarte eines Festmahles zu Ehren des Kaisers. Foto: Altonaer Museum | "Die Kaisergeburtstage unter Wilhelm I. und später besonders auch unter Wilhelm
II. waren mit diesen Festlichkeiten in keinster Weise zu vergleichen, da sie auf
nationaler Ebene stattfanden und somit ganz andere Dimensionen und Möglichkeiten
der Selbstinszenierung mit sich brachten", betont Laura Bröker, die sich im
Rahmen ihres Praktikums bei der Volkskundlichen Kommission für Westfalen näher
mit den Kaisergeburtstagsfeiern auseinandergesetzt hat.
Die Feiern
lenkten die Aufmerksamkeit der benachbarten Staaten auf das Kaiserreich und
stellten gleichzeitig dessen Einheit und Geschlossenheit zur Schau. Das
versuchten die Organisatoren beispielsweise mit penibel genau geplanten
Parademärschen oder großzügig ausstaffierten Musikzügen mit Fackeln zu
erreichen. Meist befand sich die gesamte Bevölkerung auf den Beinen, um den
besonderen Ehrentag zu begehen und somit die nationale Gesinnung zu
demonstrieren. Es wurden Festreden gehalten, Hymnen und Lobpreisungen angestimmt
und Geschichtsvorträge gehalten, die von des Kaisers vorbildlichem Leben und
seinen Heldentaten berichteten und ihren Teil dazu beitrugen, die Person des
Kaisers weiter zu verherrlichen. Nachdem für das Wohl des Kaisers gebetet worden
war, machte man sich meist auf den Weg in ein Kaffee- oder Wirtshaus, um dort
mit Familie, Freunden und Bekannten weiterzufeiern.
Wie in den Schulen
von Ladbergen (Kreis Steinfurt), Gütersloh oder Lünen (Kreis Unna), von wo im
LWL-Archiv für westfälische Volkskunde interessante Berichte vorliegen, so war
auch in anderen deutschen Schulen der Kaisergeburtstag ein ganz besonderer Tag,
der für die Kinder eine willkommene Abwechslung mit sich brachte. So wurden
schon Tage vorher die Klassen mit Tannengrün, Efeu und Stechpalmen geschmückt
und die Bilder der kaiserlichen Familie, die ohnehin in jedem Klassenraum zu
finden waren, mit Moos umkränzt. Diese Ehrenkränze durfte nicht jeder
herstellen: In manchen Schulen wurden eigens die besten Schüler ausgesucht, um
diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Die Feiern in der Aula fanden am
Kaisergeburtstag selbst statt. Sie waren gesetzlich vorgeschrieben und
beinhalteten sowohl Ansprachen und Lobreden der Lehrpersonen als auch das Singen
von Liedern, die zumeist religiösen, militärischen oder kaiserverherrlichenden
Inhalts waren: "Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in Berlin, und wär das
nicht so weit von hier, so ging ich heut’ noch hin. Und was ich bei dem Kaiser
wollt’? Ich reicht’ ihm meine Hand und gäb die schönsten Blumen ihm, die ich im
Garten fand."
Solche Lieder mussten die Kindern, genau wie detaillierte
Angaben zum Werdegang des Kaisers und seiner Familie, von kleinauf lernen, um
sie jedes Jahr am 27. Januar gemeinsam zum Besten zu geben, bevor die Schüler
nach dieser Prozedur schulfrei bekamen.
"Die schulische Ausbildung, die
ohnehin einer Erziehung zum Untertanengeist und Patriotismus diente und dazu
benutzt wurde, das sozialistische Gedankengut, eine zunehmende Bedrohung für das
monarchische Kaiserreich, von vornherein aus den Köpfen des Nachwuchses zu
verbannen, fand im Kaisergeburtstag ihren Höhepunkt. Durch das Schmücken der
Kaiserbilder, das Singen von nationalen Liedern, sowie das Vortragen von
kaiserlichen Heldengeschichten wurde für die Kinder eine künstliche Nähe zum
kaiserlichen Hof erschaffen, die so niemals existierte", erklärt
Bröker.
Hinter dem Kaisergeburtstag stecke viel mehr, als man auf den
ersten Blick vermute. Der 27. Januar sei nicht nur ein gewöhnlicher Feiertag,
sondern ein perfekt inszeniertes und einstudiertes Großereignis gewesen, dass
sowohl darauf abzielte, die nationale Gesinnung zu verschärfen und die
Persönlichkeit des Kaisers zu glorifizieren, als auch anderen Staaten zu
imponieren und diese dadurch einzuschüchtern, resümiert Bröker. |